Alexei Makushinsky

schriftsteller, dichter, essayist

 

Evgenia Weschlan über "Dampfschiff nach Argentinien"

Überrsetzung ins Deutsche von Annelore Nitschke. Die russische Fassung wurde veröffentlicht
in der Zeitschrift Znamja, April, 2014

Jewgenia Weschlan

Die erste Annäherung

 

In Alexei Makushinskys Roman „Dampfschiff nach Argentinien“ gibt es eine kleine, ganz unbedeutende, aber dennoch wichtige Episode. Als der Erzähler (ohne jeden Zweifel das Alter Ego des Autors) mit Pierre Vosco, dem Sohn der Hauptfigur, des Architekten Alexander Woskoboinikow, das Gespräch beginnt, möchte dieser ihm offenbar ein Kompliment machen und sagt: „Sie haben überhaupt keinen sowjetischen Tonfall.“ Wer den Roman aufmerksam gelesen hat, weiß, dass sich diese Charakteristik nicht nur auf die mündliche Rede des Ich-Erzählers bezieht. Sie ist der Schlüssel zum stilistischen Verständnis des ganzen Werks.

Makushinsky schreibt, wie man heute nicht schreibt. Kürzlich bedauerte jemand im privaten Gespräch, dass der Strichpunkt als Satzzeichen ein Relikt sei. Das scheint zu stimmen: Das moderne Bewusstsein, das die Welt in kurzen, nebeneinander bestehenden Momentaufnahmen denkt, verlangt kurze Sätze und zerstückelte Wortketten, nicht die Herstellung von kausalen Verbindungen. Die Prosa wird in Clips geschrieben, die rasch vor den Augen des Lesers parallel im Raum bestehende Bilder mischen und nicht in langen Sätzen, die den dargestellten Inhalt einer kausalen und zeitlichen Verbindung unterordnen. Dauern, entwickeln, beschreiben, verbinden, überzeugen – all das sind Schreibpraktiken aus dem 19. Jahrhundert. …

Liest man Makushinskys Roman mit seinen nicht endenden Sätzen, in denen Doppelpunkt und Strichpunkt herrschen, in denen sich Beschreibungen mit Reflexionen abwechseln, Aufzählungen durch Einschübe gegliedert werden, die zur Abschließung, „Abrundung“ oder … „Glättung“ der Satzmelodie gebraucht werden und ihr trotz der ständig wachsenden Wortmasse einen Sog und eine besondere poetische Einheit verleihen, liest man also diesen Roman, ertappt man sich bei dem seltsamen Gefühl, das 20. und erst recht das 21. Jahrhundert habe es gar nicht gegeben. Sowohl das Vokabular wie auch der Schreibstil des Autors sind gleichsam von den feinen Schichten „geläutert“, die durch Revolutionen, Umgestaltungen (Perestroika) und andere „Wendezeiten“ entstanden sind. Es gibt also tatsächlich nichts „Sowjetisches“ wie übrigens auch nichts „Postsowjetisches“. Dennoch stellt sich beim Leser nicht das Gefühl … der stilistischen Nachahmung ein. Auch hat er nicht das Empfinden, hier werde eine fremde Partitur gespielt, eine absichtliche künstlerische Strategie verfolgt und die Optik zersplittert, wie es leicht geschieht, wenn man auf einen historisierenden Stil trifft. Im Gegenteil, die Lektüre dieses Romans, das Schwimmen und Fliegen durch seine luftigen Wortmassen hinterlässt Freude … und das Gefühl, dem Textmaterial den richtigen Widerstand geleistet zu haben, was die Echtheit und paradoxe literarische Aktualität dieses, oberflächlich und formal betrachtet, ein wenig archaischen Textes und seines Sujets belegt, das für seine Verwirklichung automatisch das Genre der Saga erfordert.

Und in der Tat, wie sonst hätte man diese fast das ganze 20. Jahrhundert umspannende Lebensgeschichte, diese Biographie des erfundenen großen Architekten (der Beruf der Hauptfigur ist hier zweifellos wichtig und kein Zufall) erzählen sollen, die sich in der weiten Welt abspielt – im Baltikum, Russland, Paris und Argentinien? Sie erfordert das Genre der Saga, aber – und hier erhält das Paradox der stilistischen Wirkung des Textes gleichsam seine Bestätigung im Paradox seiner Realisierung als Genre – sie realisiert das Geforderte nicht.

Das Sujet entfaltet sich innerhalb einer komplexen, feingeklöppelten, vielschichtigen Erzählkonstruktion. Der Text ist in der ersten Person geschrieben und handelt im Grunde nicht von Alexander Woskoboinikow, dem Emigranten der ersten Auswanderungswelle, der ein weltberühmter Architekt wurde …, nicht von seinem Freund, dem Ingenieur Wladimir Grawe, nicht von seinen Frauen und Kindern, seiner Teilnahme am Bürgerkrieg und Nichtteilnahme am Zweiten Weltkrieg. Es ist vor allem die Geschichte des Autors Makushinsky, wie er sich seiner Figur annähert, die Geschichte einer Suche – im Sinne Prousts. Makushinsky verweist in seinem Text mehrmals auf Prousts Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ … Ganz zu Anfang des Romans taucht ein Motiv auf, das sich später mehrfach wiederholt, das Motiv der wachsenden Wüste bei Nietzsche (…). Diese „wachsende Wüste“ ist für Makushinsky die Vergangenheit, aber keine abstrakte Vergangenheit, die entschwindende Vergangenheit des individuellen Bewusstseins, auf das sich Proust konzentriert, sondern die konkrete historische Vergangenheit – das 20. Jahrhundert mit seinen totalitären Regimes, seinen „Aufständen der Massen“, die die individuellen Biographien aufgehoben und die Erinnerung daran in eine „wachsende Wüste“ verwandelt haben. … Makushinsky versucht nun …, die Ursache, die den Roman unmöglich macht, zu überwinden wie auch deren Folge, und im Zuge dieser Überwindung trotz allem ein Romangebäude zu errichten, gleichsam auf der Brandstätte des Genres und des Jahrhunderts. Der Erzähler erzählt ja nicht … die Geschichte seines Helden, sondern beabsichtigt nur, sie zu erzählen und sammelt beständig weiteres Material. Darüber schreibt er. Wir haben es im Grunde mit dem Prozess des Schreibens in seiner Reinform zu tun: Die Erzählgegenwart des Romans ist der Augenblick, in dem der Text entsteht. … Dieser Augenblick ist für den Autor Makushinsky und den Ich-Erzähler keineswegs nur formal, sondern inhaltlich von Bedeutung: Bei der Rekonstruktion von Alexandre Vosco’s Biographie wird die „Wüste“ gefüllt und ihr „Wachstum“ gestoppt. Dadurch wird das 20. Jahrhundert zurückgewonnen und das Recht auf die Biographie wiederhergestellt, und zwar nicht nur für die Romanfigur, sondern auch für den Autor selbst, dessen Familiengeschichte in der Epoche der Verfolgungen vernichtet worden ist. In diesem Sinne ist es wichtig, dass Makushinsky das Schicksal eines Emigranten erzählt. Die Bedeutsamkeit dieses Faktors wird durch die Verdoppelung des Haupterzählstrangs betont. Dem Schicksal Alexander Woskoboinikows wird das Schicksal seines Freundes Wladimir Grawe bei- und gegenübergestellt, der „unter den Sowjets“ geblieben war und erst nach dem Zweiten Weltkrieg als „displaced person“ in die „freie Welt“ gelangte. Die Biographie des Emigranten erweist sich als die glücklichere Alternative und begradigte Konfiguration einer russischen Biographie im 20. Jahrhundert (sozusagen als verwirklichte „alternative Geschichte“). Hieraus erklärt sich das Bestreben des Autors, das Bewusstsein und die Sprache von allem „Sowjetischen“ zu „läutern“. Es ist Teil des Versuchs, die Geschichte im künstlerischen Schöpfungsakt noch einmal nachzuspielen, das 20. Jahrhundert zu überspringen und das Verlorene zu finden – das Wesentliche? das Authentische? den Sinn? Wohl Letzteres, eben den Sinn. Es geht Makushinsky darum, in der Vergangenheit den echten, „reinen“ … („rein“ im philosophischen Verständnis wie Kants „reine Vernunft“) Sinn der Gegenwart zu finden: sowohl der historischen Gegenwart, in der wir alle leben, als auch der von ihr untrennbaren individuellen Gegenwart, jenes Augenblicks, in dem ich mich gerade selbst verwirkliche. Es geht darum, die zerrissenen und verlorenen Verbindungen der Dinge und Ereignisse wiederherzustellen. Diese Aufgabe bestimmt die Gesamtkonfiguration des Romans, seine Architektur. Die zu erzählende Geschichte entsteht in Fragmenten vor dem Leser, im Zuge ihrer Erforschung und Rekonstruktion. Sie beschreibt eine Kreisbewegung, läuft zurück und voraus. Dadurch entsteht ein durchbrochenes Erzählgewebe – keine feste Leinwand, sondern eher eine Häkelspitze. Die Vergangenheit ist in der Gegenwart aufgelöst, wird durch das Prisma der Gegenwart – der absoluten Gegenwart des Erzählens – vermittelt, die vor den Augen des Lesers entsteht. Und diese Rückblenden und Wiederaufnahmen decken die „parallelen Orte“ des Lebens auf, seine Übereinstimmungen und Wiederholungen. Die Welt erlangt in ihnen Geschlossenheit, Ganzheit und folglich Sinn.

Übersetzung des gekürzten Artikels von Annelore Nitschke

Der Artikel erschien im April 2014 in der Zeitschrift „Znamja“.


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